| Dario
Azzelini Selbständige Beschäftigung - Zwang oder freie Entscheidung! Linz, 25.09.02 Zuerst
möchte ich kurz zu dem Moriana Projekt etwas sagen. Es wurde in
7 Städten durchgeführt, und war ein europäisches Forschungsprojekt
von einem italienischen Forschungsinstitut. Es ging um die Situation
von Kleinstselbstständigen, FreiberuflerInnen etc. Dies mit einem
erneuerten Ansatz dessen, was früher einmal Arbeitermituntersuchung
hiess, nämlich militante Untersuchung. Das heisst, die Leute die
in den Verhältnissen stecken, analysieren selbst ihre Arbeitssituation,
versuchen selbst ihre Bedürfnisse zu beschreiben, versuchen selbst
diesen Arbeitsprozess zu beschreiben, und werden, durch einen Intervention
des/der ForscherIn, versucht in eine bestimmte Richtung zu drängen.
Nämlich in die Richtung, für ihre Interessen zumindest zu
einer Selbstformulierung zu kommen, wenn nicht gar zu einer Selbstorganisierung.
Letzteres hat bei dem Projekt nicht geklappt, oder nur zu ganz kleinen
Teilen. Kommen
wir zu dem Punkt Zwang oder freie Entscheidung. Ich würde genauso
- wie Monika Mokre - sagen, dass es eigentlich die falsche Frage ist.
Weil es einfach viele Bereiche gibt, wo es nicht die Entscheidung ist.
Wenn ich heute z.B. Journalist werden will, dann kann ich das in 2 von
100 Fällen über die Journalistenschule machen, in 98 Fällen
mache ich das als Freiberufler, und versuche irgendwie reinzukommen.
In der Hälfte der Fälle lande ich als Taxifahrer oder so,
und schreibe ab und zu Artikel. Allerdings
hat es auch sehr viel damit zu tun bestimmte Arbeitsmodelle, Tätigkeitsfelder
vorzuziehen. Bei dieser Befragung wurden eigentlich 3 Punkte von den
Befragten genannt, die ihnen sehr wichtig sind, und warum für sie
diese Art von Beschäftigung wichtig ist. Wir
waren bei dem Projekt nicht so "naiv", den Befragten einfach abzunehmen,
dass sie alles in ihrer Beschäftigung verwirklichen können,
sondern haben genauer geschaut wie diese Arbeitsautonomie tatsächlich
aussieht. Eine Frage war z.B.: Wenn du einen Tätigkeit zu machen
hast, wer entscheidet darüber, wer definiert diese Tätigkeit
die zu machen ist? Wieviel Definitionsspielraum hast du darin? Wer definiert
die Zeiten, oder sind sie von aussen vorgegeben? Natürlich
ist das ein gesellschaftliches Bild ist, das aufgebaut und realitätsmächtig
wird, über das man nicht so einfach darüberwischen kann, und
sagen, "das stellst dur dir alles so vor". So wie das die Gewerkschaften
machen. "Das was du brauchst ist ein genormter Arbeitszeitvertrag, Vollzeit,
da musst du wieder hin". Das entspricht absolut nicht den Bedürfnissen
der meisten dieser Leute. Darum
sollte man diese Bedürfnisse auch durchaus ernst nehmen. Was ich
glaube, was ein sehr wesentlicher Punkt ist, ist das Fehlen eines direkten
Kommandos, und das Fehlen von einer von aussen gegebenen oder geleiteten
Arbeitshetze. Die
gesellschaftliche Produktionsverhältnisse und Produktionsmechanismen
haben sich verändert. Die Leute, die in dieser - atypischen - Form
arbeiten sind hoch produktiv. Unter anderem - nicht nur weil es billiger
ist, sondern weil es tatsächlich produktiver ist, wird die Arbeit
in dieser Form umgestaltet. Freie Kooperation ist - zumindest in den
heutigen Produktionsmustern - produktiver ist als immer der gleiche,
erzwungen Käfig, in dem man mit den gleichen Leuten produziert
unter vorgegeben Bedingungen. Das
spielt auch keine Rolle, weil das Interessante ist, was gesellschaftlich
prägend ist, und wie die Gesellschaft entsprechend gestaltet wird.
Von daher ist es auch heute nicht mehr so wichtig den Anteil genau auszurechnen,
wieviel es sind, die jetzt so arbeiten, sondern die Frage ist: Ist es
gesellschaftlich prägend geworden?
Diese Definitionen werden immer schwerer, woraus ich die Konsequenz
ziehen würde, dass es nicht darum geht zusätzliche Berufskategorien
einführen zu lassen, was ja eine Forderung sein könnte. Sondern,
dass es grundsätzlich darum geht sich an Sachen ranzutasten, wie
eben ein freier Zugang zu Ressourcen, und eine bestimmte Grundabdeckung
für alle. Hier mache ich kurz einen kleine Klammer auf, weil ich denke dass es wichtig ist immer zu wissen wie man diesen Grundlohn fordert. Es sollte natürlich immer etwas sein, was einem Leben ermöglicht und nicht einen neuen Billiglohnsektor aufmacht. Diese Modelle gibt es ja auch von rechts, und beruhen dann darauf, dass man sagt, man zahlt den Leuten ein bisschen was, soviel dass sie davon nicht leben können, und sie aber gleichzeitig bereit sind, für weniger Geld als bisher zu arbeiten. Daher ist auch diese Grundsicherungsdebatte sehr vielschichtig und verzwickt. Auch
wenn diese selbstständige Beschäftigung in den letzten 10
Jahren stetig zunimmt und sich ausweitet, kann man - glaube ich - sagen,
die Arbeit insgesamt breitet sich aus. Die normalen Beschäftigungsverhältnisse
nehmen zu, nur nehmen die selbstständigen Beschäftigungsverhältnisse
schneller zu. Wir haben die ganze Palette durch, von der abhängigen Beschäftigung, Freiberufler, Kurzarbeit Teilzeit etc. Es geht nicht darum, dass eine bestimmt Vertragsart dominant wird, sondern es wird eine Arbeitsweise dominant. Ich würde jetzt gerne noch einmal zu dieser Organisierungsfrage kommen. Wie kann das geschehen? Die Forderungen schwirren herum. Viele Leute haben darüber nachgedacht und geredet, überlegt, und immer auf solchen Veranstaltungen, wie diese eine, finden dass immer alle richtig. Trotzdem ergibt sich eigentlich nie etwas daraus. Das ist auch relativ logisch. Denn wenn man sich ein wenig die Geschichte anguckt, sind Veränderungen von Gesellschaftssystemen von Sozialsystemen eigentlich nie aus humanistischen Gründen von oben erfolgt, sondern stets als Folge eines von unten vorgetragenen Drucks. Was
heisst das für cultural worker, für selbstständig Beschäftigte?
Die Gewerkschaft will euch sowieso nicht, und selbst wenn sie euch wollte,
würde sie euch ausser einer kleinen Rechtsberatung und den monatlichen
Beiträgen, die sie kassiert, nichts bieten können. Denn das
Problem liegt nicht nur darin wie die Gewerkschaft denkt, sondern insgesamt
darin wie die gesamte Arbeit ausgerichtet ist, wie sie strukturiert
ist, wen sie vertritt und wie sie bestimmt Sachen vertritt. Dazu ist es wichtig in so einer Organisierung in welcher Form auch immer, in Foren, in Netzwerken, in Diskussionen, als ersten Schritt zu schauen: Was ist die Lage? Was sind die Forderungen? Was sind die Bedürfnisse? und das zu artikulieren. Nicht nur um das nach aussen zu tragen, sondern um das selbst auch klar zu haben, um natürlich Bewusstseinsprozesse auszulösen. Dann geht es sicher darum dieses politische Subjekt zu konstituieren, und eben von individuellen zu kollektiven Strategien zu kommen. Alles was es bisher gibt sind individuelle Strategien, teilweise in einem kollektiven Charakter, in einem Netzwerk, aber nie als gesellschaftliche, als kollektive Strategien gedacht. Ich möchte jetzt noch zwei Stränge in die Diskussion werfen, wo vielleicht auch weitergedacht werden kann. Zum
einen denke ich, dass, obwohl dieses neoliberale System sozial und ökonomisch
vollkommen zugespitzt ist, hat es zugleich in der Aussendarstellung
immer so einen Weichzeichner. Alles ist freiwillig, alle ist schön,
und wir verstehen uns alle so gut, keine Hierarchien. Das ist natürlich
ein Problem, auch noch in dieser Ausdifferenziertheit der Arbeitsverhältnisse.
Es ist ja nicht so, dass man sich automatisch organisiert. Organisierung
ist heute viel stärker ein subjektiver Akt der von den Leuten gewollt
werden muss, für den Zeit investiert werden muss. Kleiner Einwurf: Mir ist den letzten Jahren aufgefallen, dass ganz viele Tätigkeiten, die vorher überhaupt keine kulturellen Tätigkeiten waren, heute als diese deklariert werden, weil man sie dann niedriger bezahlen kann. Weil es ja dafür keine Tarife gibt. Es geht darum, diesen Konflikt wieder sichtbar zu machen, das ist eine ganz wichtige Sache. Das ist individuell glaube ich sehr schwer. Es müssen also Mechanismen gefunden werden, durch einen öffentliche Repräsentation nach aussen, diesen Konflikt sichtbar zu machen. Und, es müssen Möglichkeiten gefunden werden, wirksam mit der Arbeit in Konflikt zu treten. Der
zweite Strang der eine Möglichkeit aufmacht ist, zu gucken wo es
Schnittstellen mit andern gesellschaftlichen Bereichen gibt, die dann
auch tatsächlich eine Interessensvertretung einen Kampf zu einer
Stärke führen. Dieser freie Zugang zu Ressourcen ist aus der direkten Situation sehr wichtig. Wir sind ständig produktiv für dieses System, dann soll das System auch dafür zahlen. Mit ständig produktiv meine ich, dass ich natürlich meine Artikel irgendwie schreibe, aber dass die Zeitung die von diesem Artikel profitiert, gleichzeitig auch davon profitiert, dass ich in meiner Freizeit Sachen lese zu dem Thema, dass ich mich mit Leuten über das Thema unterhalte, dass ich die entsprechenden Kontakte knüpfe. Ich denke also, dass dieser freie Zugang zu Ressourcen, dadurch dass er eine Unmittelbarkeit von Bedürfnissen und Bedüfnisbefriedigung vermittelt, eine Möglichkeit ist eine Schnittstelle mit vielen andern gesellschaftlichen Bereichen zu finden, und daraus etwas zu entwickeln. |