Armin Chodzinski
8 Stunden sind ein Tag

Linz, 6.11.02

Da gibt es diese ganzen Fragen, die es zu klären gibt und die sich nur sehr langsam sortieren. Eine Frage, die ich mir zum Beispiel nicht gestellt habe, ist jene danach, warum nun gerade ich eingeladen wurde drei Wochen in Linz zu verbringen. Es macht Sinn, so ist es nicht, aber letztlich bleibt es nebulös.
Warum macht man eigentlich? Was bewegt einen zum Handeln und warum ist es ebenso schwer sich liegen zu lassen, wie es umgekehrt schwer ist sich in der Sonne gehen zu lassen? Unmöglichkeiten eines Handelns, das seinen Ursprung nicht - wie man immer wieder annimmt - in der persönlichen Sozialisation hat, sondern ein allgemeines Problem oder zumindest eine Fragestellung zu sein scheint.
Es hat was mit Arbeit zu tun, mit dem Begriff von Arbeit, mit dem Modell, das sich in unsere Köpfe eingebrannt hat: "Jeder muss von seiner Arbeit leben können, heisst der Grundsatz. Das Lebenkönnen ist sonach durch die Arbeit bedingt, und es gibt kein solches Recht, wo die Bedingung nicht erfüllt worden", heisst es in den Grundlagen des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, die Johann Gottlieb Fichte 1797 verfasste. Die Idee, dass nur essen darf wer arbeit, scheint dagegen die moderne Version der Aussage, dass der oder die Nichtarbeitende keine Lebensberechtigung besitzt. Dieses Denken beherrscht die Gesellschaft. Und zur Verteidigung der Herrschaft der Arbeit verbünden sich der Papst mit Tony Blair, die Weltbank mit LePen, die Gewerkschaften mit den Unternehmen, die deutschen Ökologen mit den französischen Sozialisten, und so weiter.
Selbst Frederick der Farbensammler in dem Kinderbuch, darf erst essen, nachdem seine Tätigkeit des Betrachtens in der Winterzeit zumindest wärmende Gedanken produziert. Frederick, der Künstlertypus, hat Glück, dass sich sein zweckfreies Schauen in ein gesellschaftliches Bedürfnis wandelt - ja, die Kunst hat eine Funktion(!), sie wärmt an kalten Tagen. Allein die Tatsache, dass die Betrachtungen von Frederick in der Vergangenheit liegen, dass die wärmende Erzählung eine von den guten alten Zeiten des Sommers ist, macht es kompliziert, diese Geschichte zu bewerten.
An den Produktionsverhältnissen ändert Frederick nichts, will es auch gar nicht. Seine privelegierte Haltung lohnt sich perspektivisch, der Mythos des Individuums, das an sich und seine Idee glaubt, ist tragisch und sehnsuchtsvoll zu gleich. Einzig die Tatsache, dass selbst Fredericks Erzählungen nicht autonom sind, sondern den Kontext des Winters und der Trostlosigkeit brauchen, legt eine Realität der kulturellen Produktion offen. Aber auch die kulturelle Produktion ist dem Fichtschen Gesetz unterworfen, folgt dem Gestus des Ausschlusses und der Ausgrenzung, auch Farben wollen ganztäglich geschaut werden. Die Realität heute ist, dass kulturelle ProduzentInnen trotz Arbeit häufig nicht essen können - aber dafür eben die Freiheit des Schauens geniessen.
Die Reichtumsproduktion hat sich im Gefolge der mikroelektronischen Revolution immer weiter von der Anwendung menschlicher Arbeit entkoppelt. Die von der Arbeit beherrschte Gesellschaft erlebt keine vorübergehende Krise, sie stösst an ihre Grenze.
Da sind die, die Chance haben - also Farben schauen können - und die, die dies nicht können werden Alkoholiker oder Publikum oder depressiv oder rechtsradikal. Die Chance hat ja jeder, heisst es und der Mythos des Tellerwäschers, der zum Millionär wird, ist Realität. Die Perfektionierung des kapitalistischen Systems braucht das Slum, aus dem sich der Stärkste kreativ empor hebt, um Millionär zu werden. Die Verhältnisse sind durchlässig, die Chance hat jeder, also warum gegen die Verhältnisse ankämpfen?
"Name and Shame Policy", soziale Verantwortung als verordneter Wirtschaftsfaktor. Der Neoliberalismus der Blairschen Prägung ist kreativ, gesund, erfolgreich, durchlässig und schwerlich bekämpfbar. Es handelt sich um ein Kultur-Modell, um ein künstlerisch strategisches Vorgehen, vermengt mit politischem Aktivismus - nie war der Spruch, dass die Revolution ihre Kinder frisst so erlebbar wie heute.
Und KünstlerInnen sind die Avantgarde des Neoliberalismus. Flexible Arbeitszeiten, Ausbeutungs- und Selbstausbeutungsmodelle, die in Unternehmenszusammenhängen noch durch Betriebsverfassungsgesetze, Tarifverträge und Gewerkschaften verhindert werden. Die Identifikation mit dem Produkt führt zur Selbstaufgabe.
Die vorherrschende Idee des genialen Künstlerindividuums, das nur in Armut schaffen kann, nur durch einen Mangel hungrig der Welt etwas addieren möchte, ist eines, das sich aus der klassichen Moderne gebiert.
Heinrich von Pierer der Siemens Vorstandsvorsitzende möchte den freien Ort im Unternehmen, in dem der Genius sich zu entwickeln vermag. Die klassische Moderne ist die Folie durch die man auf Kunst schaut, die Moderne hat kaum ein Gegenmodell flächendeckend verbreitet. "Jeder ist ein Künstler" sagt Beuys und Götz W. Werner der Geschäftsführer vom dm drogeriemarkt bezeichnet die Führung seines Unternehmens als die Fortführung der sozialen Plastik. Recht hat er. Man hört es allenorts: Die Gestaltung von sozialen, ästhetischen und gesellschaftlichen Prozessen ist die Aufgabe der Kunst, also rein in die Orte des Öffentlichen, rein in die Unternehmen!

Es gibt keinen Unterschied zwischen Van Gogh und dem Manager eines New-Economy-Startups, den ich bei einem Vortrag in Frankfurt im Obdachlosenasyl Weser5 kennenlernte und der kaum noch sprechen kann. In der Hektik des Betriebssystems rennt Van Gogh gehetzt nach Paris, informiert sich bei seinem Bruder, was denn so zur Zeit "in" ist, stürzt wieder nach Hause und will noch moderner sein. Immer wieder will er besser sein als der Markt, mit dem er sich vergleicht, der sein Referenzsystem ist, bis er irgendwann sich selbst überholt und sich ein Ohr abschneidet. In der Hauptsache nimmt van Gogh den Managern der New Economy die Möglichkeit sich auch ihr Ohr abzuschneiden, dieses Bild ist einfach zu stark und zu fest in Künstlerhand.
Autonomie ist natürlich Quatsch und es wäre sicher eine lohnende Fragestellung, ob es Aktien gibt, weil es Bilder gibt oder ob es Bilder gibt, weil Aktien gibt oder ob es da keinen Unterschied gibt, ausser das Aktien in einem gesellschaftsrechtlichen System einen Aufsichtsrat haben und Bilder diesen Aufsichtrat eben nicht gesellschaftsrechtlich verankert haben.

"Wir sind alle Überzeugungstäter" sagt Stephan Schmidt-Wulffen, als er versucht seine Motivation zu beschreiben, die ihn einen Kunstverein führen lässt. "Lass doch einfach niemanden mehr kommen, lass sie das alles zu machen: die Kunstvereine, die Kulturbehörden, die Museen, die Hochschulen, dann ist es endlich manifest, dass es niemanden mehr interessiert...das mit der Kunst."
Im Rahmen des Forschungsprojektes "Revision - Das Verhältnis zwischen Kunst und Ökonomie" finanziert durch das Land Niedersachsen frage ich 1997 Herrn Schmidt-Wulffen und andere, warum sie tun, was sie tun. Die von ihm erhaltene Aussage markiert schon eine gewisse Differenz zu gewinnorientiert arbeitenden Wirtschaftsunternehmen - eine utopische und angenehme.
Wolfgang Zinggl scheint aus anderer Motivation Ähnliches gesagt zu haben und Ursula Hübner, die Vize-Präsidentin der Kunstuniversität Linz, meint dazu, das die Kunstuni an sich doch ein kultureller Faktor sei. Die Kunststudenten prägen eine Stadt doch schon. Die Stadt sieht anders aus, wenn Kunststudierende sie bevölkern. Nein, die Kunstuni schliessen, das soll man nicht, sagt Ursula Hübner, denn was Kunst ist und wie stark sie auf die Gesellschaft einwirkt kann man ja erst dann merken, wenn sie nicht mehr da ist.
Was die Kunstuni mit Ihrer Sichtbarkeit in der Stadt behauptet, ist, dass ein Gegenmodell nicht denkbar oder zumindest sehr traurig ist, führt Frau Hübner weiter aus, als ich Sie in Ihrem professoralen Atelier-Arbeits-Büro-Raum im Peter Behrens Haus Linz befrage. Klaus Schmidt, der im Bereich der betriebswirtschaftlichen und marketingorientierten Forschung ein Vertreter der ganzheitlichen Corporate Identity ist, markiert Peter Behrens und seine Kooperation mit Emil Rathenau für den Bau der AEG Werkshallen von 1906/7 als den Ort der Erfindung von Corporate Identity.
Einschub: Im gleichen Jahr wurde in Linz die Grottenbahn in Betrieb genommen, die damals noch ausschliesslich Märchen- und keine Zwergenlandschaften zeigte - Entertainment Center Wallfahrt.
Ein Aquarell Maler und Selfmade Architekt der flexiblen Sorte ist Peter Behrens und definiert nicht nur die Architektur, sondern auch die Organisationsform, die Auswirkungen des ästhetischen Gestaltens auf Arbeits- und Produktionsbedingungen. Selbst die Pausenglocke wurde in ihrer Tonalität und Klangfolge von einem Komponisten betreut. Walter Gropius gehörte zum Stab von Peter Behrens. Frau Hübner unterrichtet Malerei und sagt das man an der Kunstuni ja auch etwas lernt, Farbenlehre zum Beispiel.
Zwei Wochen bin ich bereits in Linz, als ich von Frau Hübner erfahre, dass die Haltestelle "Hauptplatz" erst seit neuesten eben auch "Kunstuniversität" heisst und dass es viele Gespräche brauchte um dies durchzusetzen. Viele hätten gar nicht gewusst, das es in Linz überhaupt eine Kunstuni gibt.
In Linz gibt es auch die Strassenbahn-Haltestellen "Wirtschaftsförderungs-Institut", "Linz AG", "Voest Alpine" die institutionalisierte Kartografie einer Stadt. Kulturalisierte, ökonomisierte, teilnehmerorientierte Semi-Öffentlichkeit. Wem gehört die Stadt?

In Linz bin ich, weil man mir hier die Möglichkeit gibt, im Rahmen der Reihe establish cultural worker an Fragen weiterzuarbeiten, die nicht nur meine eigenen sind; - obwohl ich immer dazu neige mich selbst als Beispiel zu betrachten, da ich, wie ein Vortrag von mir mal titelte: "...nicht so schlau bin, wie all die Theoretiker und Ideologen" und mir deshalb das pragmatische Handeln und die Reflektion dieses Handelns viel Wert ist. Was die Fragen sind? Nun, es geht eben um Arbeit, um die kulturelle Arbeit, um die Erwerbsarbeit, die sich an- und auflöst, um die Begrifflichkeit, die sich verändert und um die Frage nach der Verantwortung von Kunst und Kultur. Gibt es Kunst eigentlich noch?

Die Haltestelle "Rudolfstrasse, Ars Electronica Center, Rathaus" gibt es schon länger. Wenn man auf die Ars Electronica sieht, dann ist es wichtig ihre 23jährige Geschichte zu betrachten. Kunst, Technik, Gesellschaft, die drei programmatischen Begriffe gab es damals schon. Schon ganz am Anfang gab es die schon und das macht doch deutlich, wie die Substanz der Ars die Stadt prägt, sagt der Stocker. 100.000 Besucher besuchten die Klangwolken 1979. Die Übertragung eines Konzertes aus dem Konzertsaal hinaus, in den Donaupark hinein und die Radios, die in den Fenstern standen und auch Klangwolken produzierten, stellten 1979 bereits die Frage nach dem öffentlichen, medialen und privaten Raum, sagt der Leiter des Ars Electronica Centers, der seit 1995 dabei ist. Kritische Fragen stellen und dann auch noch populär sein. Ein voller Erfolg, mit dem sich einfach in die Zukunft argumentieren lässt. Eine Vision, die so nur in Linz und zum Beispiel nicht Graz hätte stattfinden können, sagt Stocker, den ich nur als Stocker kennen lerne und der keinen Vornamen hat, was mich irritiert, aber augenscheinlich nichts Inhaltliches bedeutet, vielmehr eine oberösterreichische Eigenart ist - vermute ich.
Der erste Termin war schwer zu bekommen und bedurfte der Unterstützung durch Maren Richter, die mich als Artist in Residence oder besser als Gast des Kunstraumes positionierte. Was verrät eigentlich die Anbahnung eines Termins über den Grad der Organisation? Viel! In den ersten zwei Tagen der Terminanbahnung weiss keiner genau, wo Herr Stocker sich befindet und ich bin bereits fest davon überzeugt, dass er sich virtualisiert, dematrialisiert, vom Cyberspace in Anspruch genommen in Sphären bewegt, in denen auch kein Mobiltelefon mehr Kontakt ermöglicht. Es gibt aber doch einen Termin. Nach einer halben Stunde warten im Foyer des AEC und eindringlicher Beobachtung der Empfangsdame, die in einem Zwiespalt steckt, da der Feierabend naht, ich aber einen Termin habe und Herr Stocker nicht erreichbar ist, verlasse ich den Ort und denke sehnsuchtvoll, dass auch ich in den Weiten des Universums unerreichbar sein möchte, da ich dann zumindest nicht nass werden würde, denn es regnet.
Ein wenig selbstzufrieden vermute ich, das ich die mangelnde Organisation, auf die das nicht einhalten eines Termins durchaus zurückzuführen ist, vorführen konnte. Eine Entschuldigung wird es mit Sicherheit geben. Machtspiele sind vielleicht überkommen, aber sie machen manchmal auch einfach Spass. Das Erzeugen von innerbetrieblichen Spannungen, die ich mir einbilde einleiten zu können, versetzt mir einen euphorischen Schub: Sollte es doch eine widerständige Handlungsmöglichkeit geben? Eine partisanische Taktik, die Arbeitsbegriffe implizit hinterfragt, in dem sie performativ Verspätungen auskostet?
Die voest alpine werde ich aber leider nicht in ihren Grundfesten erschüttert haben, weil erwartungsgemäss die versprochene Individual-Werksführung weder organisiert noch angefragt war und einfach ausfiel. Auch wenn ich diesen Moment genoss wird hier kein internes Problem offenbar, vielmehr die Überschwenglichkeit einer Einzelperson, die in nachvollziehbarer Unverbindlichkeit ein Versprechen nicht einhielt. Die Entschuldigung war charmant, die Ausweichorganisation fand in meinem Beisein statt und ich war beruhigt, da ich mir den nächsten Termin so gesetzt hatte, dass ich eine Werksführung sowieso hätte absagen müssen.

Der Anruf der Dame des Ars Electronica Centers kam prompt und früher als erwartet, eine Entschuldigung, die ein wenig zu stark ausfiel und ein Ausweichtermin. Die Geschichte des Centers wird rekapituliert und meine Ehrfurcht steigt, zumal ein eigentlich komisch gemeinter Vergleich mit dem MIT (Massuchettes Institut for Technology) ernst aufgenommen wird. Klar, das AEC ist schon eine andere Liga, ein zentraler Ort, der Mittelpunkt der Erde, der Nabel der Forschung, die Wiege der digitalen Kunst und Kreativität. Darunter mischt sich die Vorwegnahme von Kritikpunkten. Stocker antwortet auf Fragen, die niemand gestellt hat. Der Zusammenbruch der New Economy sei natürlich gut, da jetzt so viele Leute wieder Zeit haben und die, die es ernst meinen, den Think Tank Ars Electronica bereichern. Eine gute Zeit fürŐs AEC, sagt Stocker. Ob sich das FutureLab, die Kooperationen mit internationalen Konzernen, wie zum Beispiel mit SAP, die Produkte herstellen, die im weitesten Sinne die Arbeitsabläufe in Firmen neu definieren, auch auf die innerbetriebliche Organisation des Ars Electronica Centers auswirkt, frage ich zum Abschluss unseres Gespräches. Nein, wir leben ein traditionelles Management, was anderes sei auch gar nicht möglich, wegen der Rechenschaftsberichte und der starken Expansion von 0 auf 120 Mitarbeiter. Ausserdem, fügt Stocker hinzu, würde man ja pro Jahr ungefähr 400 Werkverträge oder andere Arbeitsverträge abschliessen. Die Fluktuation sei einfach zu gross um neue Arbeitsweisen auszuprobieren. Das stimmt natürlich nicht, aber es wäre müssig darüber ohne Beratervertrag zu diskutieren. Das mit den vielen Arbeitverträgen erinnert mich an die Saisonarbeiter im Alten Land in Hamburg. Jedes Jahr werden dort hunderte von Polen und Russen zur Apfelernte angestellt, weil - wie es medial heisst - die deutschen Arbeitslosen es ja nicht für nötig halten für 3-5 Euro die Stunde Äpfel zu pflücken. Leider erlaubt Hernn Stockers Konferenzschaltung mit Wien nicht dieses Thema weiter zu erörtern. Das Gespräch endet um 20.30 Uhr, die Sekretärin oder Assistentin, mit der ich bereits am morgen telefonierte, verliess gegen 19.30 Uhr das Büro. Wieder regnet es, wieder werde ich nass.

Seit vielen Jahren ist Herr Halwax die erste Person, der erste Mitarbeiter, der kein klassischer Voestler, kein, wie er sagt, "in-der-Wolle-gefärbter" ist und in dem Unternehmen hoch einsteigt. 15. Etage - 16 Etagen hat der blaue Voestturm. Aus einem schweren, tradierten Stahlunternehmen eine leichte, moderne Holding, einen Zulieferer für die Automobilproduktion machen, das ist schon ein Ziel, eine Aufgabe auf die man fast neidisch werden kann, denn letztlich geht es hier nicht um Kosmetik, sondern um Gestaltung. Gestaltung von sozialen Prozessen, von Bildern, von Ideen, von Öffentlichem, von Linz - kurz: vom grössten Arbeitgeber der Region. Konzernkommunikation heisst die Abteilung, die er bald übernehmen wird und deren Aufgabe sowohl die interne, als auch die externe Kommunikation des Unternehmens ist. Konzernkommunikation durch einen, der von aussen kommt, von einem, der nach einer Reise wieder zurückgekommen ist, zurück nach Linz, der sich in eine Werbeagentur einkauft und dann den Auftrag für die Repositionierung bekommt. Über das Abwerbeangebot der Voest hat er nicht allzu lange nach gedacht, sagt Stefan Halwax, auch wenn er sich ein bisschen geziert hat.
Der Voest-Film "8 Stunden sind kein Tag" war ihm ein wenig zu sehr leidend - vielleicht zu romantisch, zu traurig. Der Film würde ausser acht lassen, das es ja gute Gründe gibt, Schicht zu arbeiten - das Geld zum Beispiel.
Für das angestrebte leichte und moderne Image gibt es zuviel Stahl in dem Film. Es gibt Arbeiter und eben auch den einen Arbeiter, der in seinen kleinen Raum sitzt, trotz des Lärms das Radio anstellt und sein Leichtbier trinkt - Leichtbier ist in der Voest erlaubt, Starkbier nicht.
Zuviel voest, zu wenig voest alpine.

Als ich an einem Mittwoch in Linz ankam holte mich Susanne Blaimschein vom Bahnhof ab und bot ein volles Programm an, aus dem ich auswählen konnte. Lesung, Film, Essen, Besichtigen...
Eine Stunde später fand ich mich in einem dieser neumodischen Gross-Kinos wieder und sah gemeinsam mit den Voestlern den Voestler Film: "8 Stunden sind kein Tag". Im Eingang zum Kino standen Schaufensterpuppen, die als Arbeiter verkleidet waren.
Eine Serienschauspielerin aus Deutschland, die man sofort erkennt, aber deren Namen man sich nicht merken kann, gibt in dem Personality Fragebogen der Fernsehzeitung die Fernsehserie "8 Stunden sind kein Tag" von Fassbinder als beste Serie aller Zeiten an.

Der Film der Voest, beauftragt durch den Angestellten Betriebsrat der Division Stahl und realisiert durch den Theatermacher und Regisseur Stefan Kurowski, meint etwas anderes, weniger Fassbinder, aber auch nicht wirklich Vorabendserie, am Ehesten noch modern. 24 Stunden Voest. Die Voest der Schichtler der aussergewöhnlichen Menschen in der Voest. Da ist der 25 Jährige, der sein Lebenstraum bereits erfüllt hat: Die Jagd - meine Leidenschaft, die Familie - meine Stütze, der Bauernhof - mein Hobby, die Voest, die mir das alles ermöglicht. Gesund und doch ängstlich sieht er aus als er es im Stall sitzend in die Kamera sagt. Zuvor sah man ihn an einer Haltestelle auf den Bus wartend, dann auf seinem Hof, dann mit Kind, dann im Bus von der Schicht kommend mit den Kollegen ein Leichtbier trinkend - Leichtbier ist in der Voest erlaubt, Starkbier nicht.
Im Film herrscht die Dämmerung - mit Ausnahmen: Die Szene zum Beispiel in denen der gutaussehende drahtige Läufer für den Marathon trainiert; da ist es trocken und sogar sonnig, auch als er sich seinen Trainingsschuh auf der Stuhllehne des Stuhles zu bindet auf dem Sekunden vorher der Arm seiner Frau lag, lacht die Sonne.
Anlässlich des 50. Jubiläums des LD Verfahrens ist der Beitrag des Betriebsrates ein Beitrag zum Thema cultural worker auf Basis des strukturgebenden Stahlwerkes der Region.

Der Film zeigt in schönen Bildern Voestler, die neben ihrer Arbeit noch anderes tun. Acht Stunden sind eben kein Tag und so sieht man die kulturalisierten Mitarbeiter weiter arbeiten. Man sieht den Voestler, der die Schichtarbeit zwar anstrengend findet, aber die Familie-Voest, das Miteinander nicht missen möchte und privat gerne weite Reisen unternimmt, auf denen er Fotografiert. Die Fotos werden zu Dia-Shows, die vor Publikum statt finden. Wenn er in Pension geht, wird er das nur noch machen.
Im Werk sieht man ihn hektisch auf das Fahrrad steigen, man sieht ihn laufen - Schnitt - sieht ihn in einen vollbesetzten Vortragssaal rennen -Schnitt- das Rednerpult erklimmen und mit der Show kann begonnen werde. Überblendtechnik. Titel Dias. Vorgeschriebener Redetext. Steuerung vom Rednerpult. Professionell.
Fotojournalisten müssen sich schon verdammt anstrengen, wenn sie da mithalten wollen, denke ich, die Demokratisierung der Medien, demokratisiert eben auch die oberflächliche Form und den sichtbaren Geruch des Professionellen.
Good Bye, Frederick. Das Farbensammeln übernimmt der Arbeiter in der Freizeit.

Die junge Metallurgin, die ihren Job liebt, weil sie mit Menschen zu tun hat, muss auch gelegentlich früh aufstehen, findet das aber sehr anstrengend. Sie will vielleicht noch promovieren, in jedem Fall, sagt sie aus dem Off während sie sich nach dem Essen bei der Mama erkundigend die Treppe des elterlichen Familienhauses hinauf in ihr Zimmer geht, will sie viele Kinder und ein Haus, vielleicht noch mal ins Ausland. Das mit den Kindern aber erst später. Mit dem Werks-Arzt läuft sie gelegentlich auf dem Firmengelände und lässt sich bezüglich ihres Laufstiles coachen.

Es gibt auch den Angler, der mit Blick auf die Voest wohnt. Da sagt er, er würde arbeiten um zu leben und das einzige Mal im Film fragt der Mann hinter der Kamera, was das denn sei "leben" und der Mann bricht zusammen, schaut hilflos zur Seite, sieht zu seiner Familie und weiss nicht weiter. Das Bild ist zu schön zu intensiv, mit der Voest im Hintergrund, am Gartentisch... der Regisseur setzt keinen Schnitt und so bricht der Mann in sich zusammen und wir schauen zu.
Und dann der Kaplan, der Motorrad fährt, Flugzeug fliegt, ein richtiger Kumpel. Er sieht nach dem rechten und postuliert, dass es eben mehr als Arbeit gäbe.

8 Stunden sind genau genommen seit den Calvinisten kein Tag. Der protestantische Arbeitethos, der unsere Industriegesellschaft prägt (Wir erinnern die Arbeit: "Jesus Christus, der Erfinder Dampfmaschine" J.Beuys ca. 1979), entkoppelte sich von der naturgesetzlichen Zeit und führte 8 Stunden Rhythmen ein: 8 Stunden für Gott arbeiten, 8 Stunden für Gott beten und 8 Stunden für Gott und die eigene Arbeitsfähigkeit schlafen. Wer nicht arbeitet, darf nicht essen, wer nicht arbeitet darf nicht in den Himmel. Es ist dieser Subtext, der mich begleitet, wenn ich den Kaplan reden höre, wennn er menschelt und gerne in der Produktion tätig wäre. Halbtags und auf Abruf versteht sich. Eine optimierte Produktionskette, die Abkömmlichkeit zulässt, flexibel und sozialverantwortlich - das wäre aber das neueste!

Was ist es mit diesem Film?
Der Neoliberlismus ist in den Produktionsbetrieben angekommen. Man will stolz auf sein Unternehmen sein und castet diejenigen, mit den kuriosen Hobbys, diejenigen, die ihre Identität innerhalb und ausserhalb des Unternehmens finden und gute Gründe dafür haben, im Schichtbetrieb zu arbeiten.
In dem Gespräch mit dem Regisseur Stefan Kurowski fallen immer wieder die Worte Würde und authentisch. Authentisch soll der Film sein und Fassbinder ist nicht das Bezugssystem. Die Würde der Menschen soll gezeigt werden, aber auf die Begrifflichkeit Übermenschen, die ich einführe reagiert er weder gereizt sondern eher verständig. Er habe daneben aber auch die Schattenmenschen zeigen wollen, den der allein in seinem Verschlag sitzt und sein Leichtbier trinkt. Er sei immer wieder auf der Suche nach den Schattenmenschen gewesen, eine Bezeichnung, die im Werk bald jeder kannte, sagt Kurowski. Kurowski war Voestler bevor er sich im Theaterfeld professionalisierte, wie er es nennt. Für den Angestellten Betriebsrat Herrn Sulzbacher sicher auch einen Grund ihn zu wählen, ihn mit allen Freiheiten auszustatten und mit dem Filmprojekt zu betrauen. Der Film sei der Abschluss einer Art Trilogie, sagt Kurowski. 1992 ein Fest zum 40 Jährigen Jubiläum des LD Verfahrens, 1995 das Festival der Regionen und eben 2002 der Film.
Der Vater war Zwangsarbeiter in der Voest, Kurowski selbst wuchs mit seiner Mutter und dem Stiefvater in einer Voest-Werkswohnung auf.
Sicher scheint eine liebe zu den Menschen durch den Film, eine liebe zu denen, die die Energie aufbringen auf unterschiedlichen Feldern zu Handeln, aber auch zu denen, die es nicht schaffen. Leider ist aber das Gegenteil von gut, gut gemeint. Der Film ist eine Diskussionsgrundlage für Fragestellungen, die Thema sein müssen -innerhalb und ausserhalb der voest - alleinstehend setzt er die Messlatte für den flexiblen Mitarbeiter noch höher und reiht sich in die Ausgrenzungsmechanismen des Arbeitsmarktes ein.

Herr Sulzbacher, der Angestellten-Betriebsrat, der sehr viel Wert auf die Feststellung legt, das die gesamte Führungsspitze der Voest aus den eigenen Reihen rekrutiert wird, gab auch hier dem Voestler den Auftrag.
Allein Herr Kronister, der Betriebsrat der Arbeit, wies in einem Telfonat darauf hin, das sich in dem Film die Frage nach Chancengleichheit stellen würde. Nicht jeder hat die Möglichkeit kulturalisiert auf der Suche nach sich selbst und der eigenen Identität zu leben. Das die Produktionsmittel in der Hand der Arbeitnehmer sind, trifft heute zumindest in den 1.Welt Ländern zu. Marx hatte Recht. Die Produktionsmittel heissen Bildung, Intellekt, Kreativität, Flexibilität aber der Zugang zu diesen steht nicht allen offen. Es sind die Produktionsmittel der Gesunden, der Gebildeten, derer, die den sozialen Determinanten entspringen und in der Lage sind Kultur- und Wissensarbeiter zu sein.

Die sogenannten Schattenmenschen, die Menschen also, die unter schlechten Arbeitsbedingungen niedrig qualifizierte Tätigkeiten oder Hilfsarbeiten übernehmen, sichtbar zu machen, den Mann an seinem einsamen Arbeitsplatz zu zeigen hat Folgen: Das es solche Arbeitsbedingung im Werk überhaupt gibt, sagt Sulzbacher, sei ihm nicht wirklich bekannt gewesen und man müsse überlegen, ob man das nicht über ein Fernsehauge lösen und diesen Arbeitsplatz wegrationalisieren kann. Auch Kronister sagt, das die Arbeitsbedingungen natürlich unhaltbar sind und Kurowski pflichtet bei nach dem er erklärte, das es gar nicht so einfach gewesen wäre den Mann mal da ruhig für die Kamera sitzen zu haben. Er sei ständig aufgesprungen und hätte irgendwelche Dinge kontrolliert. Natürlich sei Kurowski an schönen Bildern interessiert und in Gedanken addiere ich dazu, das dies im Einzelfall eben auch die Entlassung eines Arbeiters bedeuten kann, aber warum soll auch immer nur der Kulturschaffende für seine Bilder leiden. Kunst gehört in die Gesellschaft.
Das ist eben das zentrale Problem, die Falle des Neoliberalismus keiner kann etwas dagegen haben Arbeitsbedingungen zu verbessern, aber ebenso kann keiner dafür sein, das die kleinen Chancen, die eine Erwerbsarbeit noch liefert durch die ungewollte Arbeitslosigkeit zu nichte gemacht werden.

Ein grundlegendes Problem ergibt sich, denn in der Liebe zur Arbeit findet sich wieder eine Volksgemeinschaft "Deutsche Arbeit für deutsche Arbeitnehmer" und so generiert der individuelle Überlebenskampf in dem sich auflösenden Arbeitsmodell ethnisch nationale Kriterien. Der sichtbare Rechtsruck ist genauso wie der unsichtbare eine Symptom der neoliberalen Gesellschaft. Das sich Nationalstaatlichkeit ebenfalls auflöst und die Global Player dessen Funktion übernehmen vergrössert allenfalls das Problem und macht es komplexer. Die Tradition der Linken braucht einen Arbeitsbegriff, notwendigerweise sogar den gleichen und so wird die Situation immer verfahrener.

Elfi Sonnberger arbeitet in der AK Kultur als Künstlerin, auch wenn sie vielleicht weniger Bilder oder Werke oder wie auch immer produziert ist ihr Gestaltungsauftrag zwar klar umrissen aber vielfältig definierbar. Wie sieht Arbeiterkultur eigentlich aus, wie laviert man sich durch die tradierten Bedürfnisse der Ak`ler und wie positioniert man ein weiteres Bild eine andere Vorstellung von Kultur in der Arbeiterkammer. Die Frage ob Kulturarbeit Kunst ist oder was es für atypische Beschäftigungsverhältnisse gibt positioniert sich in diesem Umfeld als eine Diskussion über den Arbeitsbegriff an sich. Die eigene Arbeitsweise scheint sich kaum verändert zu haben, als Kulturarbeiter ist man eben immer im Dienst, die Arbeitsrealität der Voestler ist eine andere. Für beide sind 8 Stunden kein Tag, aber die Auswirkungen sind andere. Kann eine Kulturschaffende eigentlich arbeitslos sein? Die selbstauferlegte Pflicht der Kulturschaffenden ist das Gestalten des eigenen Netzwerkes, der eigenen Abfangtruppe für psychische oder existenzielle Absicherung. Auf dieses Netzwerk kann sich der moderne Arbeiter ohne Grossfamilie selten berufen. Der Mann mit dem Leichtbier, der Schattenmensch, lebt, wie Kurowski sagt mit 50 noch bei seiner Mutter und geht regelmässig in die Kirche.
Rudimentärer Rest, aber hoffentlich leistungsfähige Variante des unflexiblen Netzwerkes.

Andrea Hummer, die ich in Linz traf, weil mir an einem Tag, nicht nur Susanne Blaimschein, sondern auch zwei Emails aus Hamburg den Rat gaben mich mit ihr zu treffen - es lebe das Netzwerk - , begreift ihre Arbeit als politische Arbeit im Kultur Umfeld. Sie ist sich der Situation der fortwährenden Arbeit, des Handelns im exemplarisch neoliberalen Organisationsfeld durchaus bewusst. Es geht darum die Verhältnisse zu verändern, Felder zu besetzen und immer ein Stück weiter zu kommen, sagt Andrea Hummer, deren Themenfelder neben dem Aufbau von Netzwerken vor allem Fragen der Migration sind. Das Büro Hummer war der Versuch die Arbeitsverhältnisse und die Aufträge auf eine legale Basis zu stellen, sagt sie. Es gibt die Freiheit zu entscheiden was man tut und Aufträge abzulehnen, die der eigenen Ethik zuwider laufen, auch wenn es natürlich Grauzonen gibt. Ehrenamtliche Tätigkeiten sind jene, die nicht zwingend den Lebensunterhalt sichern müssen, an die man glaubt, die Dinge mit denen man Geld verdient sind Aufträge etwas zu organisieren. Auch hier gibt es schwimmende Grenzen. Ziel des eipcp, des european institut for progessive cultural policies, ein ehrenamtliches Projekt auf der Grenze zum Professionellen, ist es kulturpolitische Forderungen zu formulieren, Netzwerke herzustellen, europaweit, vielleicht sogar weltweit. Diskursthemen sind: Kunst, Protest, Aktivismus, Migration, Urbanismus.
Schnell werde ich gefragt, was ich denn denke und was ich denn eigentlich will. Nun, ich bin 1998 in einem Unternehmen als Praktikant eingestiegen und habe schnell Kariere gemacht. Als Künstler, der sich mit Arbeitsbegriffen und Wirkungsweisen von Kunst beschäftigt und dessen Grundmotivation das Politische - was das auch immer sei - und das gesellschaftlich Relevante - was das auch immer sei - in der Kunst ist. Ob künstlerische Strategien wirklich so effizient in Unternehmen sind, wollte ich wissen. Sie sind es, kann ich nach drei Jahren im Management feststellen und nun stellt sich noch drängender die Frage was das denn soll mit der Kunst.
Und das Thema Urbanismus? Die Stadt ist der Ort, an dem sich der Arbeitsbegriff materialisiert. Ein- und Ausgrenzung, die unternehmerische Stadt, die kulturalisierte Stadt, das Öffentliche, etc. die Gebäude, an denen die Vorstellungen sichtbar werden. Die Glaspaläste, die Bürotürme, die Arbeitsplätze des 3.Sektors - krisensichere Arbeitsplätze, die die Hygiene gewährleisten, saubere Fenster, saubere Teppiche und geleerte Aschenbecher. Eines der ersten Gespräche, die ich in Linz führte, neben den vielen fortwährenden, produktiven Gesprächen mit Susanne Blaimschain, war jenes mit Andrea Meyer Edoley, die ich treffen wollte, weil sie in der Vorab-Internet-Recherche, diejenige aus Linz war, die mit einem Lebenslauf via Google Suchmaschine auffindbar war. Es gehe bei allem Reden über das Ende der Arbeit, an das sie auch nicht recht glauben könne, doch letztlich um die Frage von Eigentum.
Immer wieder geht es um Eigentum, um das alte und nicht älter werden wollende Thema, das Eigentum ein gesellschaftliches Faktum ist, das die Grenzen eindeutig definiert. Sicher geht es um Eigentum und genau deshalb hat das Thema Urbanismus in der Auseinandersetzung mit dem Arbeitsbegriff, auch in der Frage nach dem cultural worker, Priorität. Die Tradition, dass kulturelle ProduzentInnen Freiräume im Stadtraum für ihre Arbeit besetzen, bricht an dem Punkt zusammen, an dem die stadtplanerische Geschwindigkeit diese Freiräume zusehends nur noch sehr temporär zulässt. Damit sich andere Modelle entwickeln können, braucht es Zeit und die Geschwindigkeit der unternehmerischen Stadt ist dabei ein Problem. Es ist weitereichender, als die vordergründliche Einengung von Lebensraum, als hohe Mieten und Sicherheitsdiskurse, die alle Symptome einer grundsätzlichen Entwicklung sind: Das Verhindern von anderen Denk- und Lebensmodellen, das Verhindern von Widerständigkeit, zu dem die Stadtsoziologie seit Andreas Walther 1930 die Vorlage liefert.

Was ist also zu tun?
In Linz konnte ich weiter forschen, auch wenn die Vararianten des Handelns sich nicht grundsätzlich erweitern: Beschleunigung - Sabotage - Affirmation - Schlafen.

Beschleunigung:
KünstlerInnen müssen in die Unternehmen und zwar umgehend - müssen dort so lange effizient soziale und produktive Bedingungen gestalten, bis das mit den Unternehmen endlich ein Ende hat und man über einen anderen Arbeitsbegriff wirklich sprechen kann. Dass künstlerische Strategien in Unternehmenszusammenhängen produktiv sind, daran besteht kein Zweifel: Produktion und Rezeption von Bildern und ihre Befragung, Erfahrung in der Gestaltung von sozialen Interaktionen, selbstständiges erkenntnisorientiertes Handeln, Selbstausbeutung bei Aufgaben mit hohen Identifikationsgrad, etc.
Es ist doch sehr erstaunlich, wenn man sich vorstellt, dass ein Projekt, wie die Documenta am Eröffnungstag wirklich eröffnet, sagt Gerhard Dirmoser, der nicht nur Projektleiter im Bereich IT, sondern eben auch ein Forscher an der Diagrammatik ist und sowohl den Kultur-, als auch den Unternehmensbereich kennt. Unternehmensprojekte haben andere Laufzeiten und vor allem auch andere Zieltermine. Es ist die übliche Praxis, das ein Projekt, dessen Realisierung für Juni anberaumt ist, im Mai gekippt oder auf den September verschoben wird. Projektmanagement im Kulturbereich bedarf einer anderen Professionalität, trotz oder gerade wegen der knappen ökonomischen Ressourcen.
Die Kommunikationskonzepte der Fabrikanten sind auch effizient. Als Künstler oder Kulturschaffende mit dem zentralen Forschungsthema Kommunikation kann man in Unternehmen vielleicht sogar besser forschen - abgesicherter in jedem Fall.

Sabotage:
Physische Interventionen innerhalb von Produktionsabläufen, um die Maschinerie zu verlangsamen. Widerständigkeit. "Wir leben im permanenten Bürgerkrieg", sagt Boris Nieslony, den ich auch in Linz zufällig treffe und der keine Kategorien von Kunst oder Unternehmen hat, sondern Handeln und Leidenschaft, als einzige Parameter setzt. Bürgerkrieg deshalb, weil die Macht und ihre Repräsentation Menschen permanent daran hindern, das zu tun, was ihre Leidenschaft ist. Sabotage meint also Carl Schmitt lesen und mit dem Partisanen Krieg beginnen.

Affirmation.
Alles was passiert ist gut. Die radikalste Form des Widerstandes im Neoliberalismus ist die Bejahung. Kritik ist lediglich die Form das System zu verbessern. Kunst verweigert die Aufgabe ein gesellschaftliches Korrektiv zu sein, die seit Platon besteht, und findet alles gut. Unflexibel den Ist Stand geniessen.

Schlafen.
Mit einem anderen Arbeitsbegriff zu beginnen, die Arbeit zu reduzieren das soziale Absicherungssystem - soweit vorhanden -in Anspruch zu nehmen und mal richtig auszuschlafen. Im Park auf einer Bank sitzen und vielleicht für Freunde zu kochen oder besser auch das nicht, sondern vielmehr das Nichtstun aushalten und warten bis alles vorbei ist.

So skizziere ich das, was mich interessiert und sage weiter, dass meine Arbeit sich damit beschäftigt sich zu entscheiden - hoffentlich weiterhin gemeinsam mit anderen. Und das ist eben nicht zynisch gemeint, sondern ganz real, genauso real wie die Tatsache, dass am Samstag Meike und Oskar nach Linz kamen und sich hoffentlich wohlfühlten in der Stadt, die mich weiterdenken liess.

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