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Bettina
Messner /
gekürzte Fassung.
Die ungekürzte Fassung inkl. Interviewteilen wird im Rahmen der
Studie "Was das Leben schwer macht" und Graz 2003 veröffentlicht. Beruf Künstler/in Das künstlerische Feld ist einer der "unsicheren Orte des sozialen Raumes"(1) . Es stellt nur vage Positionen bereit, legt wenig fest, ist an wenige Voraussetzungen gebunden und bietet gleichzeitig ungewisse und schwankende Zukunftsaussichten. Eine umfassende Definition für Künstlerinnen und Künstler, einen gemeinsamen Nenner, ein klar abgestecktes Berufsbild zu finden, ist schwierig. Weder gibt es eine Standesvertretung wie bei anderen freien Berufen, noch ist die Berufsbezeichnung an bestimmte Ausbildungswege oder der Betriebsablauf an geregelte Arbeitszeiten geknüpft. Es ist auch nicht möglich, Kunstschaffende vollständig über die Sozialversicherungsstatistik zu erfassen, denn die Versicherung bezieht sich auf alle freiberuflich tätigen Künstler/innen, deren Kunstschaffen ihren Hauptberuf und die Hauptquelle ihrer Einnahmen bildet(2). Jene, die Kunst nebenberuflich betreiben, weil sie von der Kunst allein nicht leben können, sind nicht erfasst. Das heisst, dass es über die Mehrheit der bildenden Künstler/innen(3) kaum statistische Daten gibt. Angesichts der Tatsache, dass in diesem Beruf mit einem unregelmässigen und niedrigen Einkommen gerechnet werden muss, sind viele Kunstschaffende auf zusätzliche Deckung des Lebensunterhaltes durch Neben- bzw. Hauptverdienste angewiesen. (4) Künstler/innen als Beherrschte Um
Künstler/innen als erfolgreich zu definieren, wird die Quantität
der Ausstellungen an speziellen Orten (Museen, Galerien, Kunstfestivals,...)
als zentrales Kriterium herangezogen. Haben Kunstschaffende die Chance,
an einigen in Kunstkreisen bekannten und renommierten Orten (5)
auszustellen, ergibt eines das Nächste. Die für Kunstschaffende
nötige Propaganda läuft vor allem über interne Kanäle
Ð über Empfehlungen durch Kunsthistoriker/innen oder Kritiker/innen,
Kurator/inn/en oder Galerist/inn/en. Je höher diese in der Hierarchie
des künstlerischen Feldes stehen, umso grösser ist die Chance,
dass auch die von ihnen unterstützten Künstler/innen anerkannt
werden. Im Kunstbetrieb dominiert das "Schnellballprinzip". So sind
Künstler/innen in höchstem Masse von Personen abhängig,
die insgesamt eine künstlerische Öffentlichkeit repräsentieren.
Sie befinden sich dadurch in einer beherrschten Position, die durch
weitere Faktoren wie Herkunft (etwa ländliches, kunstfremdes Milieu)
oder Geschlecht ("Frau-Sein" im Kunstbetrieb) geschwächt werden
kann. Der Mythos der Autonomie Viele
Kunstschaffende antworten auf die Definitionskämpfe um den "richtigen"
Kunstbegriff mit dem Insistieren auf die "Freiheit der Kunst".(17)
Die von den meisten Kunstschaffenden vertretene Forderung nach "Autonomie"
bezieht sich hauptsächlich auf den künstlerischen Arbeitsvorgang,
der einen Gegenpol zur entfremdeten, alltäglichen Arbeit bilden
soll. Unabhängigkeit wird als Ideal definiert; es ist der Versuch,
ein Moment an Freiheit festzuhalten. Die gesellschaftliche Vorstellung
vom Künstler, der "sich durchs Leben schlägt", fungiert als
Projektion der Idee der Selbstverwirklichung.(18)
Autonomie wird dabei auf die Lebensführung und eine geistige Freiheit
bezogen, die als erstrebenswert angesehen werden. In kleinbürgerlichen
Milieus jedoch, wo Ideale wie Fleiss, Pünktlichkeit und Regelhaftigkeit
zur Wertausstattung gehören, wird gerade die (scheinbare) Autonomie
der Künstler/innen zum Feindbild.(19)
Deren exzentrisches, scheinbar nicht der Norm entsprechendes Leben wird
in beiden Ansichten zu einem grossen Teil auf diese projiziert.(20)
Das Bild des autonomen Künstlers erweist sich als Mythos, der im
Zuge der kapitalistischen Tendenzen für deren Zwecke benutzt wird.
Künstler/innen gelten hier als Vorreiter der Marktwirtschaft, von
denen Unternehmer lernen können, wie man etwas verkauft, für
das es keine Nachfrage gibt.(21)
Hier zeigt sich eine Widersprüchlichkeit der künstlerischen
Position. Das projektorientierte Arbeiten der Künstler/innen, fern
von strukturierten Dienstverhältnissen (22),
gilt als Vorbild für den sich heute entwickelnden Typus des "neuen
Selbstständigen" mit allen damit verbundenen Vor- und Nachteilen.
"(...) Künstler/innen bringen traditionell ihre Seelen in die Arbeit
ein und das ist genau die Qualifikation, die das moderne Management
sucht, wenn neue Arbeitskräfte rekrutiert werden sollen. Das Unternehmertum,
die selbständige Unabhängigkeit und die geheiligte Individualität
von Künstler/innen sind die Traumqualifikationen der Wissensarbeiter
von morgen: gewerkschaftlich nicht organisierte, bestens ausgebildete
Individuen ohne Solidarität, die sich als Taglöhner verdingen.
Der heroische Künstler der Avantgarde von gestern wird der Streikbrecher
von morgen. Wir sehen, wie es rund um uns passiert, und wir tun es selbst,
mit oder ohne Eigeninteresse." (23) Das Eindringen der ökonomischen Logik Kunstschaffende
sind immer seltener in losen Künstler- bzw. Künstlerinnenvereinigungen
organisiert. Die Ursache der geringen Solidarität findet sich im
schwierigen, ambivalenten Berufsfeld. Durch Reduktion der finanziellen
Ressourcen für den Kunst- und Kulturbereich wird der Konkurrenzdruck
zusätzlich erhöht. Eine unsichere Marktlage fördert Verhaltensweisen,
Insiderwissen besser für sich zu behalten und Rival/inn/en durch
Ausschluss von Informationen auszuschalten. Mit den Slogans "Selbstunternehmertum"
und "Eigenverantwortlichkeit", die den Imperativ zu immer mehr Leistungsfähigkeit
der Arbeitsgesellschaft in den 90er Jahren begleiten, ist auch der stärker
werdende Ruf, den Staat aus seiner Verantwortung zu entlassen und sich
über privates Sponsoring zu finanzieren, ins künstlerische
Feld eingedrungen.(26) Künstler/innen
werden auf sich selbst zurückgeworfen, "sie haben selbst dafür
zu sorgen, dass sie überleben können", eine Reduktion oder
Rücknahme von staatlicher Unterstützung bedroht das Überleben
der kleinen Kulturinitiativen. (27) (1)Pierre
Bourdieu, Die Regeln der Kunst, 1999, 358. <top> (2)Vgl.
Katharina Scherke, "Ganz normale Arbeit", 1994, 4. <top> (3)Andere künstlerische Bereiche wie z.B. Literatur oder darstellende Kunst können an dieser Stelle nicht mitbehandelt werden. Pierre Bourdieu bezieht sich in seinem Buch "Die Regeln der Kunst" hauptsächlich auf die Literatur, setzt die anderen künstlerischen Bereiche aber synonym, was durch die Schreibweise "literarisches usw. Feld" verdeutlicht wird. Vgl. Pierre Bourdieu, Die Regeln der Kunst, 1999, 341. <top> (4)Vgl. Katharina Scherke, "Ganz normale Arbeit", 1994, 3. <top> (5)Das sind jene, denen von den für die KünstlerInnen relevanten Kreisen symbolisches Kapital zugestanden wird, jene, die die Definitionsmacht über einen bestimmten Kunstbegriff inne haben. Einen hohen Stellenwert im Kunstbetrieb der Avantgarde hat z.B. die alle fünf Jahre stattfindende documenta in Kassel. <top> (6)Vgl. Pierre Bourdieu, Regeln der Kunst, S. 323, 330, 343. <top> (7)Vgl.
Katharina Scherke, "Ganz normale Arbeit", 1994; (8)Vgl. Pierre Bourdieu, Eine sanfte Gewalt, in: Dölling/Krais, Ein alltägliches Spiel, 1997, 220-221. <top> (9)Vgl. ebda, 222-223. <top> (10)Vgl. Pierre Bourdieu, Regeln der Kunst, 1999, 329-330, 343. <top> (11)Vgl. Thomas Röbke, Kunst und Arbeit, S.160-162. <top> (12)Vgl. Katharina Scherke, "Ganz normale Arbeit", 1994, 9-11. Studien zeigen, dass gerade Frauen den finanziellen Aspekt in der Kunst ablehnen, vermutlich weil sie geringere Chancen haben, sich über Kunst finanzieren zu können. <top> (13)Vgl. Thomas Röbke, Kunst und Arbeit, 2000, 31. <top> (14)Vgl. Barbara Aulinger, Kunstgeschichte und Soziologie, 1992, 55: Es ist anzumerken, dass bereits ab der Renaissance die erste Abspaltung der künstlerischen Arbeit von der übrigen Arbeit erfolgte. Der Künstler wurde zum Aussenseiter der Gesellschaft gemacht und als Genie euphemisiert. <top> (15)Vgl. Hans Peter Thurn, Kunst als Beruf, 1997, S.106-107. <top> (16)Vgl. Pierre Bourdieu, Regeln der Kunst, 1999, 329, 342-349. Die Autonomie wird in Deutschland und Österreich auch aufgrund der negativen Erfahrungen in Zeiten des Nationalsozialistischen Regimes so vehement verteidigt. <top> (17)Vgl. Thomas Röbke, Kunst und Arbeit, 2000, 30. <top> (18)Vgl. Thomas Röbke, Kunst und Arbeit, 2000, 52, 142. <top> (19)Vgl. ebda, 38-39. Der bürgerliche Kunstbegriff, der Kunst als "Nicht-Arbeit" sondern Musse definiert und so dem Bereich Freizeit zuteilt, wirkt hier weiter. <top> (20)Vgl. Christine Resch, Kunst als Skandal, 1994, 155. <top> (21)Vgl. Thomas Röbke, Kunst und Arbeit, 2000, 93. <top> (22)Im künstlerischen "Beruf" wurde im Gegensatz zu anderen Berufen die historische Teilung zwischen Arbeit und Freizeit nie vollzogen.Vgl. ebda, 78. <top> (23)"Alle Macht der Freien Universität Kopenhagen". Das Komitee des 15. Juli 2001: Henriette Heise & Jakob Jakobsen. (Künstlerischer Text) <top> (24)Vgl. Piere Bourdieu, Regeln der Kunst, 1999, 342. <top> (25)Bourdieu weist darauf hin, dass "die gegenüber den ökonomischen Zwängen hart erkämpfte Unabhängigkeit der Produktion und Verbreitung von Kultur in ihren Grundlagen bedroht ist." Vgl. Pierre Bourdieu, Kultur in Gefahr, in: http://www.mip.at/de/dokumente/1628-content.html <top> (26)Ab den 80er Jahren kam die staatliche Subventionierung immer mehr unter ökonomischen Rechtfertigungszwang. Vgl. Thomas Röbke, Kunst und Arbeit, 2000, 32-33. <top> (27)Eine Studie der IG Kultur hat 1997 gezeigt, dass knapp 23% der KulturarbeiterInnen mit einem Monatseinkommen unter 872 Euro auskommen müssen. Nicht einmal 20 % erwerben einen Anspruch auf Pensionsversicherung. Vgl. Martin Wassermair, Kulturarbeit im sozialen Off, in: http://igkultur.at/igkultur/kulturpolitik/1015093628. <top> (28)Sponsoring hat insofern nur dann Sinn, wenn damit ein längerfristiger Zeitraum ohne Eingreifen in die inhaltliche Richtung und ohne Erwartungshaltung im Sinne eines ökonomischen Tausches finanziert wird. <top> (29)Anton Lederer vom Kunstverein <rotor> im Gespräch mit der Autorin, am 4. Februar 2002. <top> |